PRÄHISTORISCHES

Man schrieb das Jahr 1955, die “Goldenen Fünfziger Jahre”, wie diese Zeit auch gerne genannt wird. Der schreckliche Zweite Weltkrieg, der auch in unserer Mosel-Gemeinde Oberfell zahlreiche Opfer gefordert hatte, und die nachfolgende “schlechte Zeit” waren vorbei, und das Leben hatte auch hier in Oberfell begonnen, sich wieder zu normalisieren.
Auch das Vereinsleben in Oberfell, das in den Kriegsjahren so gut wie ganz geruht hatte, lebte wieder auf. Wer sportlich war, kickte Fußball im SSV, Sangesfreudige waren in Kirchenchor und / oder Männergesangverein aktiv und im Jahre 1949 war sogar für karnevalsbegeisterte Frauen des Ortes ein Möhnenverein gegründet worden. Ebenso blühten alte Traditionen, die in den Kriegsjahren nicht aufrechterhalten werden konnten, wieder auf: Kirmes wurde gefeiert, Theater gespielt, Vereine feierten ihre “Feste”;die Kinder hatten wieder ihren St. Martinszug usw.
Doch eine Tradition hatte sich auch während des Krieges gehalten, und ihr verdankt unsere Bläsergemeinschaft “Mosella” letztlich ihre Entstehung. Gemeint ist die jährlich am Sonntag nach Pfingsten, dem Dreifaltigkeitssonntag stattfindende Prozession zur Wallfahrtskirche auf dem Bleidenberg. Diese Prozession, die für uns Oberfeller einen der Höhepunkte im Jahresablauf darstellt, kann auch als das Pendant betrachtet werden zur einige Tage später stattfindenden Fronleichnamsprozession. Und genau wie diese wurde die Prozession zum Bleidenberg schon früher von einigen Blasmusikern begleitet. Eine als Verein organisierte Blaskapelle gab es ja noch nicht......
Lassen wir doch einfach mal eines der Gründungsmitglieder der Mosella, unseren Musikkameraden Clemens Thelen in Erinnerungen schwelgen. Wir erfahren auf diese Weise, wie früher hier in Oberfell Musik gemacht wurde, und wie es zur Gründung unserer heutigen Musikkapelle “Mosella” kam.






Clemens: In den Jahren 1946/47 machten mein Vater Anton Thelen, mein jüngerer Bruder Günther und ich zuweilen sonntagmorgens Hausmusik. Vater, der vor dem Krieg einem Mandolinenorchester und später in der “KdF – Zeit“ dem Oberfeller Trommler- und Pfeifer-Corps angehörte, spielte Geige, Mandoline oder Flöte, Günter und ich spielten Ziehharmonika. Irgendwann gesellte sich unser Nachbar Willi Lellmann (Steins Will) zu uns, der ebenfalls eine Ziehharmonika besaß und bald erhielten wir auch noch Zuwachs von Adolf Fischer, der auf dem Speicher eine dicke Trommel seines Opas hervorgekramte und sich mit dieser nach und nach ein Schlagzeug zusammengebaut hatte. Damit hatten wir sozusagen eine richtige Hausband. Bald schon – unser Musizieren blieb auch der Außenwelt nicht verborgen und fand offenbar auch Anklang – sollten wir sogar unseren ersten öffentlichen Auftritt haben. 1948 feierte der SSV sein erstes Sportfest nach dem Krieg. Ein Festzug zum Sportplatz war vorgesehen, aber da es ja noch keine Blaskapelle gab, funktionierten wir spontan die Haus-Band zur Marsch-Band um und führten mit drei Ziehharmonikas, einem vom “Neue-Währung-Kopfgeld” gekauften Akkordeon und der dicken Trommel den Festzug der Sportler an.
1950 wurden wir von der Oberfeller Obermöhn Margarete Dott (“Ewe Gret”) zum ersten Mal für den Möhnenball am Schwerdonnerstag verpflichtet, ohne Honorar zwar, aber für ein gelegentliches Freibier. Die Rhein-Zeitung schrieb anderntags: Der Oberfeller Möhnenball wurde musikalisch umrahmt von der Kapelle “Anthony Ewen”. Hiermit hatte unsere Band und ihr Kapellmeister Anton Thelen – auch als “Ewe Dunn” bekannt, einen treffenden Namen. Bald wurde unsere Besetzung auch noch durch eine Klavierspielerin (Marlene Drott) bzw. einen Klavierspieler (Paul Biener) ergänzt; denn es war ja zur damaligen Zeit üblich, dass auf Festsälen auch ein Klavier zur Verfügung stand (ich erwähne dies deshalb, weil es für die Entstehung der Bläsergemeinschaft eine “gewisse” Bedeutung hat, wie später noch zu lesen sein wird).
1951 veranstalteten wir auf Anregung des damaligen Ortsvorstehers Josef Löhr ein Saalfest für die Jugend, und auch fortan wurden wir für weitere Tanzveranstaltungen in Oberfell (Karneval, Ostern, 1. Mai, Kirmes) verpflichtet.
Bei kirchlichen Anlässen jedoch, insbesondere bei der eingangs erwähnten Prozession zum Bleidenberg, wurde die musikalische Gestaltung von einigen Oberfellern, zumeist aber ortsfremden Blasmusikern übernommen. Zu erwähnen wären hier aus Oberfell: Andreas Ackermann (“Dehle Andris”, (Trompete), Simon Fischer (Tenorhorn), Johann Meurer (“Grollese Hännes” , Es-Horn) und Robert Schunk (“Hann-Arems Rob”, Tenorhorn).
Da jedoch die Prozession zum Bleidenberg schon von jeher eine traditionelle und hochfestliche Angelegenheit war (und ist) wurden hierfür keine Mühen und kein Aufwand gescheut, und so wurden zusätzliche Blasmusiker von auswärts zusammengerufen, z.B. aus Alken Johann Adam Schunk (“Hann-Arem”, Vater v. Robert Schunk, (Tenorhorn), Matthias Probst (“Probste Thias”, Baß-Horn), Hermann Mallmann (später erster Dirigent der Bläsergemeinschaft), Josef Haupt aus Kattenes, Josef Boos aus Hatzenport und sogar ein Musiker aus Herschwiesen im Hunsrück ,Toni Mallmann, Tuba.
Diese Musiker haben dann viele Jahre in wechselnder Besetzung bei der Prozession zum Bleidenberg
sowie bei der Fronleichnamsprozession und auch beim Martinszug mitgespielt. Aber, wie es so geht, die Musiker kamen nach und nach in die Jahre und konnten bzw. wollten den langen und beschwerlichen Weg zum Bleidenberg mit dem Blasinstrument nicht mehr machen. Ihre Zahl nahm von Jahr zu Jahr ab, und die künftige Begleitung der Prozession mit Blasmusik schien in Frage gestellt. Wir von der “Anthony Ewen-Band” hatten diese Entwicklung natürlich auch beobachtet und immer mehr keimte bei uns der Gedanke, ob es hier nicht am besten und für den Erhalt der Tradition am sichersten wäre, wenn es in Oberfell eine “richtige”, d.h. eine als Verein organisierte Blaskapelle gäbe, so mit Vorstand, Dirigent und regelmäßigen Proben.... .
Ebenso in großer Sorge über das Nachlassen der Beteiligung von Musikern bei der Bleidenberg-Prozession war der alte Johann Adam Schunk aus Alken. Als Alkener fühlte er sich natürlich auch dem Bleidenberg, der Kirche dort oben und der jährlichen Prozession dorthin verbunden. Gleichwohl mag bei ihm auch so etwas wie Eifersucht (oder war es sogar Neid) über die Aufwärtsentwicklung unserer Band aufgekommen sein, was ihn dann irgendwann mal zu dem (natürlich nicht wörtlich zunehmenden) Ausspruch veranlasste: “Die können sich ja demnächst ihr Klavier auf den Bauch binden und damit die Prozession auf den Bleidenberg spielen!”






Als uns dieser Ausspruch des alten “Hann-Arem” zu Ohren kam, weckte dies unseren Ehrgeiz, die Gründung einer Blaskapelle nunmehr in Angriff zu nehmen. Wir drei, d.h. Willi, Günter und ich sagten uns: “Wenn er das will, das kann er das haben – zwar nicht mit dem Klavier; blasen lernen können wir schließlich auch.” So setzten wir uns zusammen, beratschlagten und überlegten, was alles geschehen müsse, um dieses Vorhaben zu bewerkstelligen. Zwei Instrumente waren immerhin schon vorhanden. Willi - “Steins Will” hatte vor längerer Zeit einmal eine alte Trompete von einem Musiker vom Hunsrück (Otto Lang) geschenkt bekommen, und Günter erhielt eine ebensolche von Lehrer Rath aus Brodenbach. Ich hörte mich um und hatte Glück: Mir überließ ein alter Musiker aus Alken, Johann Schäfer, der früher ebenfalls schon bei der Bleidenberg-Prozession mitgespielt hatte, seine Trompete. Nachdem diese drei alten “Tröten” blasbar und, so gut es ging, auf “Hochglanz” poliert waren, ging es an den Feierabenden und Sonntags ans gemeinsame Üben. Wir probten hinter unserem und “Steins” Haus; nach einiger Zeit kamen die Naturtöne C und G sauber, und nach und nach hatten wir die C-Dur-Tonleiter “im Griff”.
Diese anfänglichen Bemühungen drangen durch die “Olker Weinberge” ans Ohr von Robert Schunk der mit seiner jungen Familie an der Moselstraße wohnte. Er wollte sich mal aus der Nähe ansehen bzw. –hören, was bei uns musikalisch so abging. So kam er denn eines Abends mit seinem Tenorhorn unterm Arm durch die “Olk” zu uns rüber, stimmte in unser Üben mit ein, und siehe da, schon waren wir ein Quartett, und unser Zuwachs entpuppte sich sogar als “kompetenter” Lehrmeister. Robert hatte ja (wie oben bereits angesprochen) schon an der Seite seines Vaters bei Prozessionen mitgespielt. Der Alte hatte ihm, damit er sicherer blasen konnte, die Griffe unter die Noten geschrieben; und dieses hatte denn offenbar auch ganz gut geklappt. Von Robert bekamen wir dann so manchen brauchbaren Tipp; wir übten fleißig den ganzen Sommer und Herbst über, wurden immer tonsicherer und mutiger. Am darauf folgenden Karneval war es uns sogar schon möglich, mit einigen Karnevalsliedern beim Narrentreiben auf Oberfeller Straßen mitzuwirken. Rhythmisch unterstützt wurden wir auch hier wieder von Adolf Fischer mit der dicken Trommel, und ferner Andreas Lellmann mit einem kleinen Trömmelchen.

Das Üben setzte sich jeweils sonntags morgens bei uns in der Wohnung fort, wobei sich inzwischen weitere Interessenten, zum Teil sogar schon mit Instrument, dazugesellt hatten. Das waren der Andreas Lellmann, Erwin Christ, Ernst Verhagen und Theo Schweisthal. Dann kamen noch Herbert Schunk, Adolf Fischer, Rudi Möntenich, Richard Fischer und Erwin Kühn hinzu.
So kamen wir dann am Buß- und Bettag bei mir in der Wohnung im Alkener Weg – ich hatte inzwischen geheiratet und wohnte im Haus meiner Schwiegereltern (bei “Welleme Schorsch”) zur ersten Mitgliederversammlung mit Vorstandswahl zusammen........